no-g8siko no-g8

Zur Geschichte von Widerstand in der Bundeswehr und in der US-Armee

Rührt euch!

Hallo Soldat, Hallo Soldatin! Reservist und Wehrpflichtiger. Hallo KriegsgegnerIn.
Als ehemaliger Bundeswehrsoldat und radikale Kriegsgegnerin beginne ich mit einer einfachen Frage: Was würdest Du tun, wenn ein Deserteur an Deine Tür klopft?

Am Vorabend eines sehr großen Krieges, der global angekündigt und scheibchenweise immer mehr Regionen einbezieht, kommt mir diese Frage in den Sinn. Nicht, dass morgen schon die militärische Konkurrenz zwischen den Machtblöcken, zum Beispiel den USA und Europa, zum Tragen käme, aber die Machtblöcke geraten in immer stärkere Widersprüche zueinander. Und: Diese obengestellte Frage ist heute schon präsent bei Soldaten und Soldatinnen, die in Kriegsgebieten stationiert sind oder deren Einheiten dorthin verlegt werden. Denn neben mitmachen, sich dem Befehl und Gehorsam unterordnen, im Zweifelsfall töten und getötet werden, gibt es immer noch die Option abzuhauen oder hierzulande zu verweigern.

In der Armee halten Drill und drakonische Strafen bei Gehorsams- und Be-fehlsverweigerungen die Truppe zusammen. Das Prinzip der ständigen Angst vor Vorgesetzten und den Bestrafungen haben ihre Entsprechung in Sonder-urlaub bei besonderen Leistungen, Dienstgraderhöhungen und Lobreden vor der versammelten Mannschaft. Das alte Lied von Zuckerbrot und Peitsche.

Dagegen gab es vor allem in den 70er und 80er Jahren massiven Widerstand in den Kasernen der Bundeswehr. Linke Soldatenzeitungen informierten in vielen Kasernen über die Schikanen der einzelnen Vorgesetzten, klärten über die wenigen Rechte in einer undemokratischen Struktur auf und halfen mit Anleitungen zum Widerstand. Die Zeitungen waren oft heiß begehrt, und ihre AutorInnen hart verfolgt. Stand-ortkommandanten, die Angst unter den niedrigen Dienstgraden verbreiteten, wurde das Auto besprüht oder zerkratzt. Organisierte Soldaten nahmen in Uniformen an Antikriegsdemos teil oder zerstörten in den Kasernen Waffen, schütteten Zucker in die Tanks von Fahrzeugen oder weigerten sich, kriegsverherrlichende Lieder auf Befehl zu singen.

Obwohl damals noch das Prinzip der Landesverteidigung bestand, wurden zeitgleich weltweit Menschen mit dem deutschen G3-Gewehr ermordet. Jede Kugel auf dem Schießplatz in einen „Pappkamerad“ war damals ein potenzieller Toter. Heute ist es sehr konkret geworden. Wenn deutsche Soldaten und Soldatinnen im Kosovo oder in Afghanistan sind und dort eine Autobombe neben ihrem Bus explodiert, dann ist endgültig klar, dass das alles kein Spiel mit „Pappkameraden“ ist. Und spätestens dann beginnt die Sinnfrage erneut: „Was mache ich hier eigentlich mit einer Waffe in einem fremden Land…?“ Das ist die richtige Frage. Du hast da verdammt noch mal nichts zu suchen. Dieser Krieg ist nicht Dein Krieg und wenn Du den Müll nicht glaubst, den sie Dir zur Begründung Deines Einsatzes immer vorbeten, dann siehst Du zu, dass Du Land gewinnst.

Kürzlich habe ich einen Soldaten kennen gelernt, der während des Krieges in Bosnien stationiert war und sich als traumatisiert bezeichnet. Während er darum kämpft, wieder einigermaßen ohne Albträume ins „normale“ Leben zurückzufinden, haben sich andere ehemalige Kameraden längst umgebracht, hängen in tiefsten Löchern, saufen sich um den Verstand oder sind gewalttätig. Seine Vorgesetzten verdonnerten ihn zum Schweigen, damit die Abgründe innerhalb des deutschen Militärs und des Krieges sowie die Traumatisierungen nicht Thema in der Öffentlichkeit werden konnten. Selten erfährt die Öffentlichkeit von den Folgen der Traumatisierung.

Als vier US-Elitesoldaten, frisch zu-rück aus dem Afghanistankrieg, ihre Ehefrauen zuhause massakrierten, gab es einmal eine Meldung. Dabei ist das weder eine Ausnahme, noch ein Zufall. Militarismus und sexualisierte Gewalt hängen strukturell eng zusammen. Ver-gewaltigungen im Krieg sind Bestand-teil von Krieg und Teil der Kriegslogik von Aneignen, Unterwerfen und Ver-nichten.
Willst Du das? Willst Du für diesen dreckigen Krieg nicht nur anderer Menschen Lebensglück kaputt machen, sondern auch Deins? Du kennst Deine Truppe besser, Du weißt, wer den „Job“ gerne macht, wer ein echtes Schwein ist und Du kennst diejenigen, die zweifeln. Oder die nicht ertragen, was sie erlebt haben oder welche Befehle sie ausführen sollen.

Wir sagen Dir: ohne Soldaten und Soldatinnen kein Krieg. Ohne funktionierendes Militär wäre weltweit diese immense Zerstörung, die wir täglich sehen können, nie durchsetzbar gewesen.
In vielen Kriegen haben Soldaten auch immer die Option, in der Armee Waffen zu zerstören, wahrgenommen. Vor allem dann, wenn sie nicht ohne weiteres aus den Kriegsregionen raus kamen. Das wollen die Offiziere natürlich nicht wahrhaben. Die offizielle Geschichtsschreibung unterschlägt Traumatisierungen und Deserteure ebenso wie Widerstand und Sabotage in den Armeen. Dabei liegt es auf der Hand, denn wer kann besser die Waffen zerstören als jene, die sie bedienen sollen.
Im Vietnamkrieg zum Beispiel war der Widerstand in der US-Armee so groß, dass Kriegsschiffe nicht mehr auslaufen konnten. Die Mannschaften meuterten, und findige Mechaniker zerstörten die Motoren. Ganze Einheiten weigerten sich, in Gefechte zu ziehen. Offiziere, die heiß waren, die Soldaten in das Gefecht zu schicken (weil das „Lametta“ brachte, Orden, Beförderun-gen) wurden von den eigenen Soldaten erst verwarnt und dann umgebracht.
Mehr als 150 Offiziere wurden auf diese Weise Opfer von „fragging“. Das heißt, Soldaten warfen ihre entsicherten Handgranaten in die Zelte der Offiziere. Der Krieg der USA gegen Vietnam brach, und das ist hier zu Lande nahezu unbekannt, gerade auch wegen des Widerstandes in der US-Armee zusammen.

Gerade sterben täglich US-Soldaten im Irak und die Stimmung wird in der Truppe schlechter und schlechter. Am Anfang des Krieges schmiss ein Soldat eine Handgranate in ein Offizierszelt und seit „Ende“ des Krieges stieg die Selbstmordrate unter den US-Sol-datInnen rapide an, 500 SoldatInnen mussten wegen „psychischer Probleme“ nach Hause geschickt werden.

Von außen betrachtet erscheint das Militär wie ein monolithischer Block. Soldaten und Soldatinnen wissen, dass das nicht stimmt. Die Stimmung in der Truppe wird genau registriert. Aus diesem Grund treten in letzter Zeit vermehrt KriegsgegnerInnen an Soldaten und Soldatinnen heran und fordern sie auf, sich ohne wenn und aber gegen jeden Krieg und die Befehle der Vorgesetzten zu stellen und den Dienst zu quittieren und nicht zu billigen, wenn jemand in Uniform herumläuft.
Was wirst Du tun, wenn ein Soldat von egal welcher Armee vor Deiner Haustür steht, und um Unterbringung bitten muss?

Wenn Du vor meiner Tür stündest eines Tages, ich wüsste, was ich tun würde.

Inhaltlicher Austausch auf dem Antikriegs-Kongress (siehe link unten) möglich.

Rührt euch!: Auf dieses Kommando setzt der Soldat den linken Fuß schnell etwa eine halbe Fußlänge nach links vorwärts, lässt Arme und Hände locker hängen, darf der Soldat sich bewegen, aber nicht ohne Erlaubnis sprechen, rauchen oder seinen Platz verlassen…“ (Handbuch des Soldaten, Ausgabe Heer)

Für Wehrpflichtige besteht die Möglichkeit, die Musterung schon vorab zu verweigern. Denn in der Musterung wird jeder Mann auf seine „Tauglichkeit“ durchgescannt. Das zeugt von dem patriarchalen Charakter des Militärs und da können auch die Soldatinnen in der Bundeswehr nicht darüber hinweg täuschen.

Denn über die Musterung hält der Staat über jeden Mann die Verfügungsgewalt aufrecht. Die Verweigerung der Musterung verhindert die Einberufung zu den Zwangsdiensten Militär und „Zivil-“dienst. Genauere Infos: Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und Militär (info@kampagne.de oder 030-4401300).


no-g8Druckversion | ssl (256 bit)