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Eine Einladung zum Eingreifen - „Welcome to Bombodrom“

Bundeswehr und NATO wollen 80 Kilometer vor Berlin den Luftkrieg proben. Rund eine Autostunde von Berlin entfernt, entsteht derzeit ein besonderes Trainingszentrum für die Bundeswehr und ihre NATO-Partner: der Luftwaffenübungsplatz Wittstock. Hier wollen die Verbände der EU- und NATO-Eingreiftruppe den Ernstfall proben. Der „Bombodrom“ genannte Luft-Boden-Schießplatz im Dreieck Kyritz-Wittstock-Neuruppin wurde seit 1950 von den sowjetischen Streitkräften als Tiefflug- und Bombenabwurfgelände genutzt. Das gesamte Gebiet war dafür enteignet worden. Nach der Wende versprachen westdeutsche Militärs und Politiker den Menschen in der Region dieses „stalinistische Unrecht“ rückgängig zu machen. Nie wieder sollte das Gelände militärisch genutzt werden …

Heute hingegen gilt das „Bombodrom“ Militärs wie Politikern als Glücksfall: Mit einer Ausdehnung von 19 Kilometern Länge und fünf bis zehn Kilometern Breite und einer Gesamtfläche von 11 899 Hektar ist das Areal der bei weitem größte Luftwaffenübungsplatz in der BRD. Im Gegensatz zu den nur eingeschränkt nutzbaren Übungsplätzen in Niedersachsen („Nordhorn Range“ – sechs mal kleiner) und dem bayrischen Siegenburg (44 mal kleiner – unter US-Verwaltung) bietet das „Bombodrom“ Wittstock dank seiner geografischen Lage und Ausdehnung eine einzigartige Möglichkeit für taktische Flugmanöver unter Kampfbedingungen in Deutschland.

Der Landstrich an der Grenze in unmittelbarer Nachbarschaft der mecklenburgischen Seenplatte ist dünn besiedelt. Damit entfallen die für den Übungsbetrieb lästigen Tiefflugbeschränkungen. Die Mindestflughöhen betragen offiziell 300 Meter außerhalb des Übungsplatzes und bis zu 30 Meter auf dem Platz. Derartig niedrige Flughöhen liegen außerhalb der Erfassung durch Radarsysteme und ermöglichen Gefechtssimulationen. Bisher ist ein solches Training für die Bundeswehr nur in Kanada möglich. Wittstock ist also ein wichtiger Schritt in Richtung militärischer Unabhängigkeit der deutschen bzw. europäischen Verteidigungsstrategien.

Die Größe des „Bombodroms“ bietet nicht nur erstklassige Bedingungen für Tiefflug- und Bombentraining, sondern ermöglicht auch so genannte „kombinierte taktische Luftangriffs- und Flugabwehrübungen“ in Regimentstärke. Aus Sicht begeisterter Militärs liest sich das dann so: „Da können sich 1000 Soldaten mit ihren Flugabwehrraketen mehrmals am Tag verstecken und den ankommenden Flieger mit ihrem Radar ins Visier nehmen.“

Die Planungen der Bundeswehr zur Nutzung des Geländes sind bereits sehr konkret. Ein kleiner Teil des Gesamtareals (nur etwa 2500 Hektar) soll unmittelbar als Schießplatz genutzt werden. Laut Bundeswehr sind dort reine Zielübungen geplant, das heisst vier mal vier Meter große Ziele werden von Kampfflugzeugen aus 15-30 Meter Höhe mit Betonübungsbomben attackiert. Für kombinierte Luft-Boden-Manöver wurden bislang eine Fläche von mindestens 5000 Hektar vorbereitet. In Dranse-Kulmühle bei Wittstock entstehen bereits Manöverunterkünfte für bis zu 1000 SoldatInnen. Das Gelände wurde früher als Ausbildungslager der Hitlerjugend genutzt. Über die nahe A 24 sowie eine angrenzende Güterbahn ist das „Bombodrom“ zudem logistisch hervorragend angeschlossen.

Bundeswehr und NATO brauchen das Bombodrom

Noch bis Ende der 90er Jahre schien es, als habe die Bundeswehr nur ein geringes Interesse an dem Übungsgelände. Seit einigen Jahren jedoch entwickelt das Verteidigungsministerium eine regelrecht hektische Initiative, um eine möglichst baldige Wiederinbetriebnahme des „Bombodroms“ zu forcieren. Wie kam es zu diesem Sinneswandel? Nach dem NATO-Angriffskrieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien wurden auf den folgenden NATO-Gipfeln eine veränderte Militärstrategie beschlossen. Inhaltlicher Kern: Mehr Einsätze weltweit, mehr Schlagkraft, mehr Flexibilität.

Auf dem NATO-Gipfel im November 2002 in Prag wurde die Aufstellung der NATO-Response Force (NRF) beschlossen – der erste multinationale NATO-Verband, der ständig weltweit einsatzbereit ist. Rund ein Viertel der 21 000 Mann starken Truppe stellt dabei die Bundeswehr. Zugleich verfolgt die EU in Brüssel das ehrgeizige Ziel, bis zum Jahr 2004 eigene Krisenreaktionskräfte mit einem Umfang von bis zu 60 000 Soldaten aufzustellen.

Am 21. Mai 2003 hat die rot-grüne Bundesregierung mit den neuen „Verteidigungspolitischen Richtlinien“ (VPR) Kampfeinsätze der Bundeswehr zur „präventiven“ Konfliktverhütung und „befriedenden“ Krisenbewältigung festgeschrieben. Deshalb ist das „Bombodrom“ für Bundeswehr und NATO so bedeutsam: Nur dort kann taktisch-operatives Angriffstraining gemäß der geltenden NATO-Luftkriegsstrategie unter Kampfbedingungen geprobt werden.

Von Protest zu Widerstand

Der Widerstand sollte genau deswegen auch nicht allein den lokalen Bürgerinitiativen überlassen werden, sondern zum Gegenstand einer linken Antikriegsbewegung werden. In den letzten zehn Jahren haben sich die anliegenden Gemeinden gegen eine Wiedernutzung des Übungsplatzes gewehrt. Mit einer Reihe von juristischen Klagen und Verfügungen versuchen sie, eine schnelle Re-Militarisierung ihrer Region aufzuhalten. Im Zentrum stehen dabei die befürchteten Belastungen durch den Übungsbetrieb für die BewohnerInnen der Region, für die lokale Tourismusbranche und Eigentumsfragen. Wie lange diese juristischen Hürden den Übungsbetrieb tatsächlich aufhalten werden, ist offen.

Trotzdem haben sich sowohl die BI als auch andere lokale Initiativen darauf geeinigt, neben den rechtlichen Strategien nun verstärkt auf Protest, zivilen Ungehorsam und politischen Widerstand zu setzen. Bereits jetzt werden für das nächste Jahr verschiedene Protestaktionen vorbereitet. Die Ideen reichen von dezentral organisierten, aber kontinuierlichen Verletzungen des militärischen Sperrgebietes über die Organisation von Protestwanderungen an und auf dem Gelände bis hin zur Errichtung eines Hüttendorfes. Genügend Möglichkeiten für das eigene Engagement also: Welcome to Bombodrom.

Die Luftangriffsgeschwader der Bundeswehr sind jeweils auf unterschiedliche Rollen spezialisiert. In Wittstock können die Komponenten „Bekämpfung gegnerischer Landstreitkräfte“ und „Niederhalten gegnerischer Luftverteidigung“ trainiert werden. Zum Einsatz kommen für den Tiefflug konzipierte Jagdflugzeuge des Typs „Tornado“, die nach umfangreicher Kampfwertsteigerung bis voraussichtlich 2015 in Dienst bleiben werden. Dabei handelt es sich um die Tornado-Varianten „IDS“ und „ECR“.
Die zentrale Aufgabe dieser Waffen sind die Unterstützung eigener Bodentruppen durch Luftangriffe auf feindliche Einrichtungen und Stellungen. Die „ECR“-Tornados sind zur Aufklärung und Bekämpfung radargeführter Flugabwehr und Führungssysteme ausgelegt. Diese werden mit sog. „High Speed Antiradiation Missilies HARM“ bekämpft. Mit deren Ausschaltung wird der Gegner quasi „blind“ und ist dem weiteren Angriffsgeschehen in vielerlei Hinsicht schutzlos ausgeliefert. Diese beim Jagdbombergeschwader 32 im bayrischen Lechfeld stationierten Maschinen der Bundesluftwaffe sind die einzigen dieser Art, die der NATO diesseits des Atlantiks zur Verfügung stehen. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurden sie im Zuge des NATO-Kriegs gegen Jugoslawien im Jahre 1999.

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