Antipatriarchale Perspektiven gegen jeden Krieg
Das strategische Schweigen
Seit Jahrtausenden gibt es eine globale Organisierung patriarchaler Verhältnisse – die Dominanz des „weißen Mannes“ hat andere Lebensweisen zerstört und durchdrungen.
Einem großen Teil der heutigen Antikriegs- und Antiglobalisierungsbewegung muss in der Nichtbenennung von Geschlechterverhältnissen und -hierarchien ein strategisches Schweigen unterstellt werden. Bewegungen aber, die dies ausblenden halten Macht aufrecht, statt sie zu zersetzen. Aus unserer Sicht bedarf es einer Diskussion, die neue Ansätze entwickelt, Verschränkungen sichtbar macht und neue Formen, Räume und Strukturen schafft, in der antipatriarchale und somit radikale Widerstandsperspektiven gegen jeden Krieg und Globalisierung entwickelbar sind.
Neben Drogen und Waffen ist der Handel mit Frauen zur wichtigsten Ökonomie in Kriegsgebieten geworden. Innerhalb von militarisierten Gesellschaften verschärfen sich die Angriffe auf Abweichungen von der (Geschlechter-) „Norm“.
Wir glauben, dass unsere Handlungsfähigkeit in Bezug zu den laufenden und kommenden Kriegen nur unter Einbeziehung des Geschlechterverhältnisses möglich ist.
1. Extremster Ausdruck dieser sozialen Geschlechterordnung ist die Ausübung sexualisierter Gewalt durch Männer, die ihren Körper als Waffe zur Unterwerfung einsetzen. Mit dem Einsatz der Waffe „Körper“ und „Geschlecht“ werden täglich aufs Neue Machtansprüche, Herrschaft und Verfügungsgewalt über Frauen und Kinder durchgesetzt.
2. Die soziale Geschlechterhierarchie hängt mit der medizinischen Eliminierung biologischer Abweichungen von dieser angenommenen Norm zusammen. Aus diesem Grund sind Zwitter sowohl biologisch wie sozial in dieser Gesellschaft unsichtbar, bzw. vernichtet worden. Die Unsichtbarkeit von möglichen anderen Geschlechtskategorien ist zwingend, um auf einer scheinbar natürlichen biologischen Zweigeschlechtlichkeit die scheinbar ebenso natürliche soziale „Ordnung“ in die Köpfe hineinzupflanzen. Die Brutalität der medizinischen Zuweisung am Beispiel der Zwitter verweist darauf, wie wichtig die Zweigeschlechtliche Ordnung ist, um die Geschlechterhierachie durchzusetzten. Die Anpassung an die vorgegebene Rolle durchdringt alle Personen und wird gewaltsam flankiert.
3. Im kapitalistischen Patriarchat sind menschliche Beziehungen auf den Kopf gestellt. Die Aufspaltung von Produktion und Reproduktion und die Bewertung der „Produktion als gesellschaftserhaltende Tätigkeit von alles bestimmender Wichtigkeit“ und Reproduktion als „naturwüchsige Lebensäußerung, nicht gesellschaftlich, der Produktion nachgeordnet“ ist gekoppelt an die Aufrechterhaltung der Geschlechterhierachie. Wird Frauen der reproduktive Bereich zugeordnet (Hausarbeit, Erziehung, Sozialarbeit, Subsistenz), so werden Männer mit dem produktiven Bereich gleichgesetzt, der in der Regel auf Zerstörung basiert, auf Eroberung anderer Märkte und auf ein kriegerisches Verhältnis gegenüber den jeweiligen Gegnern, die die eigenen Machtinteressen bedrohen.
4. Der „weiße Mann“, Inbegriff der sogenannten zivilisierten Welt, bildet die Norm ab, an dem alles gemessen wird – was und wer Wert ist. Alle Beziehungen werden diesen Wertdefinitionen untergeordnet (z.B. Zivilisierte Welt mit wertvollen Menschen gegen barbarische Welt/ das Existenzrecht von Flüchtlingen u. MigrantInnen wird in diesem Land an ihre Verwertbarkeit gekoppelt). Der „weiße Mann“ als Norm und die daran gekoppelte Wertdefinition hat sich durchgesetzt und ist allen Verhältnissen eingeschrieben.
5. Patriarchat kennzeichnet ebenso eine rassistisch organisierte Herrschaftsform. In dem Bild vom „weißen Mann“ als dem eigentlich Wertschöpfenden wird die ökonomische Ausbeutung geschlechtlich und rassistisch/kolonial organisiert (Greencard für Inder/Abschottung Festung Europa, Zivilisation/Barbarei, Definition von wertvollen/weniger wertvollen Menschen mit der Legitimation zum Töten). Die Werte der Zivilisation gegen die Barbarei prägen das Schlachtfeld im Kreuzzug gegen das Böse, den Islam, die arabische Welt. Und der Krieg verlängert sich in den Metropolen u.a. auch im Kampf gegen die Flüchtlinge. Dieser Krieg ist in wesentlichen Zügen auch von kolonialen Begriffen geprägt.
Die Kategorisierung in Frau und Mann schafft den Ausgangspunkt täglicher Rollenzuweisung, ein Oben und Unten. Bipolares Denken ist Teil patriarchaler Herrschaft und bedeutend für die Kriegsführung und Kriegsfähigkeit. Die Dualismen Freund-Feind, Mann-Frau, Zivilisation-Barbarei, Mensch-Natur, deutsch-fremd, gesund-krank, weiss-schwarz schaffen die Voraussetzung für gesellschaftlich legitimiertes Morden.
Nicht die gepflegten Übergänge von A nach B und von Rot nach Blau oder umgekehrt sind zu organisieren, sondern ein Widerstand, welcher das Prinzip der Zweigeschlechtlichkeit als zentrales Fundament für patriarchale Herrschaft zu zerstören trachtet. Anders ausgedrückt: Eine Antikriegsposition, die „nur“ die ökonomischen, geopolitischen Interessen z.B. am Krieg analysiert, geht nicht die Fundamente des System an, das Militär in seiner Handlungsfähigkeit bedingt. In die Institution Militär ist die patriarchale Funktion Mann eingeschrieben. Mit der Herausbildung einer Identifikation mit dem Staat, dessen Diener der Mann werden sollte, waren auch die Grundlagen für eine Bereitschaft hergestellt worden, für die Nation einzutreten, für das Angriffs- und Verteidigungsinteresse einer Nation in Form des Militärs als Männlichkeitsmaschinerie. Die Voraussetzung dazu war die Kasernierung als Ort der Prägung patriarchaler Männlichkeit, logischerweise unter Ausschluss von Frauen.
Olivgreencards für Frauen, die ihren Mann stehen
Kriegsvorbereitung ist ein sozialer Prozess, in den viele Teile der Gesellschaft mitgenommen werden müssen und wir befinden uns inmitten einer großen Mobilmachung der Gesellschaft. Dafür ist wichtig zu verstehen, das die biologischen Personen dann austauschbar geworden sind, wenn das patriarchale Prinzip gewahrt bleibt. In der heutigen Zeit des „modernisierten“ Patriarchats benötigt es biologischer Auschlusskriterien in dieser Form nicht – das heutige Militär ist der Anwesenheit von Frauen gewachsen, die Erkennungsmuster Rosa und Blau, was ist sozial ein Mann, was ist sozial eine Frau, bleiben trotzdem erhalten und sind nach wie vor zwingend notwendig.
Dortige Funktionen können von einer biologischen Frau ausgekleidet werden, wenn sie Manns genug ist – ihren Mann steht. So wie eine rassistische Regierung einerseits in Tod, Folter und Elend abschiebt und mit Greencard andererseits jene ins Land holt, die für den Standort Deutschland verwertbar sind, so werden mit einer Olivgreencard Frauen in eine Institution eingelassen, die als exklusiver Männerclub galt.
Mit dem 11. September wird der Eintritt in einen global erklärten permanenten Kriegszustand markiert. Ein globaler Krieg, der sogar den Einsatz von ABC-Waffen in Erwägung zieht, wird globale Folgen haben und eine neue Ebene der Brutalisierung patriarchal durchmilitarisierter sozialer Verhältnisse hervorbringen.
„Krieg gegen Terror“ wird als fundamentale Legitimation eines ständigen Kriegszustandes nach außen wie nach innen gesetzt. Es gibt keinen gerechten Krieg und entspricht patriarchaler Kriegslogik in „Gut“ und „Böse“ zu polarisieren. Machtorientierte, deutsche Linke, die beispielsweise Solidarität für israelische Panzer oder palästinensische Selbstmordkommandos aufbringen, disqualifizieren sich als politische Bündnispartner für emanzipatorischen Widerstand. Wer patriarchale Kriegslogiken reproduziert, verlängert sie und ist Teil dessen.
Wenn Globalisierungsgegner(Innen) oder Antikriegsgruppen das Geschlechterverhältnis ausblenden, zielt ihr Widerstand nicht auf Entmachtung von Herrschaft, sondern auf Modernisierung derselben.
Oder um es schärfer zu benennen: Die Weigerung der Antikriegs- / Antiglobalisierungsbewegung, Geschlechterverhältnisse und -hierachien zu benennen stützt globale Ausbeutung und kriegerische Verhältnisse, trotz gegenteiliger Selbstwahrnehmung.
Für die radikale Entwaffnung von Herrschaft
Für die Entwicklung eines alltäglichen Widerstandes ist es eine wichtige Frage, ob es gelingen wird, soziale Prozesse in Gang zu bringen, die Machtstrukturen zersetzen und auflösen können und im Rahmen dieser politischen Bestimmung die Gewaltfrage und Anwendung von Militanz zu definieren. Wir sehen also aktuell keine Alternative zu der Parole „Gegen jeden Krieg“. Es geht weder darum, sich einer der Mächte zuzuordnen, noch eine eigene Macht stark zu machen, die in die patriarchale Logik einsteigt, sondern die Zerstörung jeglicher patriarchaler Herrschaftsformen anzustreben und jenseits der aufgemachten Kriegspolarisierungen nach Verbündeten Ausschau zu halten.
These 1: Das Modell der Zweigeschlechtlichkeit ist eine zentrale Institution zur Herausbildung kriegerischer, militarisierter Verhältnisse. Die existierende Geschlechterordnung bringt sowohl sexistische Gewaltverhältnisse als auch kriegerische, durchmilitarisierte Strukturen hervor. Eine antipatriarchale Antikriegsposition verweigert sich nicht nur bipolarer Positionierung, sondern sollte das MannFrau-Konzept als ein Fundament für die Kriegsfähigkeit und Mobilisierbarkeit der Gesellschaft politisch wie praktisch sabotieren. Angriffe auf die Geschlechterordnung sind in gesellschaftlichen Sinne wehrkraftzersetzend, weil sie klare Wertigkeiten außer Kraft setzen und an einer kriegswichtigen Front Desorientierung verbreiten.
These 2: Nur ein Widerstand, der sich gegen jeden Krieg ausspricht, die radikale Entwaffnung von Herrschaft zu organisieren versucht und in Bezug setzt zu anderen globalen Kämpfen mit ähnlicher Ausrichtung von Widerstand, entzieht sich im Handeln der Logik von Krieg. Die Infragestellung der Werte des westlichen Zivilisationsmodells sind eine Voraussetzung dafür. Jede Parteinahme für einen kriegerischen Angriff durch einen Staat oder antiemanzipatorische bewaffnete Organisationen, die Macht und Herrschaft anstreben, ist eine Unterstützung von Krieg und kann kein positiver Bezugspunkt für uns sein.
Antipatriarchal-Feministisches Netz, Berlin
Kontakt: apo@bamm.de,
Büro für antimilitaristische Maßnahmen, Karl-Kunger-Str. 18, 12435 Berlin,
assoziiert an Bundesweite Antimilitaristische Koordination „KriegistFrieden“ (KiF)


