Geschlechterverhältnisse und Kriegslogiken
Antipatriarchal-feministisches Netz, Berlin
auf dem Anti-Kriegs-Kongress München, 10. bis 12. Januar 2003
Wir halten einen antipatriarchalen Blick auf die zerstörerischen Verhältnisse und die daraus resultierenden Kriege für zentral. Wir sehen ihn sowohl als einen anderen analytischen Blick als auch für eine uns und unseren Alltag einbeziehende Praxis, als einen Widerstand, der kriegerische Logiken im Alltag aktiv durchbricht und vielleicht auch wieder Ansätze für so etwas wie kollektiven Widerstand herstellt.
Wir möchten uns erst mal bedanken, dass wir hier sprechen können, um so mehr, da die Nichtbenennung, Unterschlagung und Ausblendung von Geschlechterhierarchien und patriarchatskritischen Ansätzen und das strategische Schweigen über deren Bedeutung in der Anti-Kriegs- und der Anti-Globalisierungsbewegung eigentlich die Regel sind. Wir nennen uns antipatriarchales Netz, weil wir jene auffordern wollen, die in ihren Städten und Regionen alleine zu sein scheinen oder die resigniert sind vor einer Struktur, vor einer Linken, die möglicherweise genau diese Geschlechterfragen ausblendet. Wir würden uns wünschen, dass sich mehr bewusst aufeinander bezogen wird, sich gegenseitig zu stärken mit dem Ziel, einen grundsätzlich anderen Blick auf Herrschaft und Alltag an allen Orten der eigenen Praxis einzubringen. Ich werde im folgenden versuchen, an einem Beispiel unsere Position etwas genauer auszuführen.
Ich denke, unser Kongress hier, auf den wir uns auch positiv beziehen und deswegen auch einen Workshop machen, ist v. a. dann stark, wenn wir unsere eigenen Widersprüche untereinander diskutieren und in diesem Sinne vielleicht zu einer dauerhaften gemeinsamen Praxis finden. In diesem Sinne gehe ich auf den Leitartikel in der “resista” ein, “Antikapitalismus globalisieren”, in dem sich in dem Bemühen um eine Beschreibung der globalen Verhältnisse folgender Satz findet: “Der Terror des Weltmarktes richtet sich besonders gegen Frauen, die für die Versorgung ihrer Kinder und Familie den Mangel verwalten müssen.”
Auf den ersten Blick mag positiv erscheinen, dass die sogenannte spezielle Situation der Frauen mitbenannt wird. Unserer Ansicht nach aber baut der Terror des Weltmarktes – diese kriegerische Ökonomie, die wir gerade haben – auf die Differenz der Geschlechter bzw. die ständige Herstellung eben dieser Differenz auf. Ohne diese Differenz, die strukturell in die gesellschaftlichen Verhältnisse eingeschrieben, die sozial und institutionell allerorts global verankert ist und die mit regionalen Besonderheiten ausgestattet ist – ohne diese Differenz könnte sich diese Aufspaltung von wertvoller bzw. unsichtbarer, weniger wertvollen Arbeit und Leben in der uns bekannten Weise überhaupt nicht durchsetzen. Findet nicht dann – mit dem Blick auf die besondere Situation der Frau – eine Verharmlosung der Geschlechterverhältnisse statt, wenn die Tatsache unbenannt bleibt, dass Grundlagen der kriegerischen Ökonomien in den patriarchalen Verhältnissen liegen?
Die strukturelle Gewalt nur als Auswirkung zu sehen und Frauen reduziert auf ihre Rolle als Opfer wahrzunehmen blendet die Ursache aus und schreibt Herrschaft fort
Dies ist deshalb wichtig zu verstehen, da sowohl im Afghanistankrieg als auch im Kosovo – um nur zwei Beispiele zu nennen – die Frauenbefreiung zur Kriegslegitimation eingesetzt wurde. Genau um die Abschaffung der Geschlechterhierarchie geht es im Krieg nun wirklich nicht, sondern eher im Gegenteil. Im Kosovo stehen jetzt beispielsweise die NGOs, deutsche Soldaten, Nato-Truppen in den von Warlords verwalteten Bordellen Schlange.
Das Modell von Zweigeschlechtlichkeit, hierzulande medizinisch sogar mit der Vernichtung von Zwittern gewaltsam durchgesetzt, dieses Modell, das Hierarchien naturalisiert hat und das eben in der Regel in linke Analysen nicht einfließt, halten wir für einen bedeutsamen Zugang für ein neues Verständnis von Herrschaft und für einen anderen Widerstand. Dieser Widerstand knüpft wieder an unseren Alltag an und verzichtet auf eine rein äußerliche Draufsicht auf die Verhältnisse. Werden die Strategien der Anderen, der Bösen durch die reine Draufsicht analysiert, bleiben die Verhältnisse äußerlich, so als wären wir mit unserer Individualisierung, Durchsetzung untereinander, Konkurrenzen, Konsum, Ellenbogen etc. nicht Teil kriegerischer Prozesse.
Wir glauben weitergehend, dass die Geschlechterverhältnisse derart prägend sind, dass Alltag von Kriegslogiken durchzogen ist. Wir halten diese Geschlechterverhältnisse für derart strukturierend, dass wir ohne ein Verständnis darüber gar nicht zu einem Widerstand, zu einer Utopie in der Lage sind, die diesem kommenden globalen Krieg etwas entgegensetzen kann. Herrschaft ist unserer Meinung nach dann am wirksamsten, wenn wir sie als solche gar nicht erkennen, zum Beispiel in dem, was wir an Zerstörung durch die kriegerische Ökonomie erleben, die Produktivität als Wert setzt und nichts als Zerstörung bedeutet von Lebensgrundlagen, Verwertung von Leben, Vernichtung und Ausmerzung von nichtwertvollem, weil nicht verwertbarem Leben. Oder in dem, was an globalem Krieg, Vernichtung und Elend sich abzuzeichnen beginnt, was unser bisheriges Vorstellungsvermögen übersteigt, weil Umweltzerstörung, Hunger, Bomben ein globales Ausmaß annehmen. Bei eben dieser Gewalt müssen wir uns fragen, ob unsere politischen Sichtweisen wirklich noch stimmen. Ob wir nicht gänzlich andere Strukturen brauchen, die Unterschiede untereinander respektieren, in denen wir in sozialen Verhältnissen aber auch eine neue Form von Gemeinsamkeit entwickeln, die sich diesen Verhältnissen stellen kann und die uns selber Hoffnung sind.
Rolle des Patriachats für die kriegerischen Verhältnisse
Wir glauben, an der Frage der Bedeutung des Patriarchats für diese kriegerischen Verhältnisse führt kein Weg mehr vorbei.
In der Wertsetzung des weißen Mannes und der Durchsetzung seiner Norm begründen sich (oder gehen von ihnen aus) unseres Erachtens sowohl koloniale rassistische als auch sexistische und kapitalistische Gewalt und Ausbeutungsverhältnisse bis in unseren Alltag hinein.
In dem dualen Denken von Mann-Frau reproduziert sich eine Kriegslogik, die wir weiterführen können in deutsch-fremd, schwarz-weiß, Freund-Feind, Zivilisation-Barbarei. Die tief verinnerlichten Geschlechterverhältnisse waren, sind und bleiben eine Voraussetzung dieser aktuellen Verhältnisse. Ohne Benennung dieses Grundverhältnisses wird auch eine linke Praxis entweder wirkungslos bleiben, weil sie nicht richtig greifen kann. Oder sie wird, wie die Generation Fischer, in ihrer patriarchalen Absicht den direkten Weg zur Macht nehmen, die sie immer wollte, und an den Steuerknüppeln, an denen sie heute sitzt, Modernisierung von Herrschaft betreiben und Bomben schmeißen.
Wir denken, es geht darum, unsere eigene Umgangsweise zu revolutionieren und darüber zu reden, wo dieser Krieg im Alltag greift, wo wir Teil von Modernisierung sind. Es geht darum, daraus kollektive, solidarische Strukturen abzuleiten, die in einen Widerstand münden, der gegen jeden Krieg und jede Herrschaft geht.
1 “Krieg ist Frieden” (KiF) antimilitaristische Koordination


